SFL und Klubs führen Massnahmen ein, lehnen aber das Kaskadenmodell ab

Nach einer breit angelegten Vernehmlassung lehnen die Swiss Football League (SFL) und ihre Klubs das Kaskadenmodell der Konferenz der Kantonalen Justiz- und Polizeidirektorinnen- und -direktoren (KKJPD) ab. Sie erachten das Modell und seine Anwendung in der Praxis als nicht zielführend, einseitig und unverhältnismässig. Parallel dazu wurden in zwei weiteren Teilprojekten unter dem Arbeitstitel «Progresso» wichtige Dialogplattformen geschaffen, um Sicherheitsthemen gemeinsam mit allen Stakeholdern in einem konstruktiven Rahmen anzugehen. So führte die SFL bereits im letzten Herbst lokale Stadionallianzen ein und verstärkt die Partnerschaft mit den SBB bei den Fanreisen.

Die Swiss Football League (SFL) verurteilt Gewaltvorfälle wie Sachbeschädigungen, Körperverletzungen und Tätlichkeiten im Umfeld von Fussballspielen mit aller Deutlichkeit. Das «Gesamtschweizerische Lagebild Sport (GSLS-Reporting)» der Polizeilichen Koordinationsplattform Sport (PKPS) zeigt, dass es in der Super League seit Beginn der Erhebung dieser Zahlen im Jahr 2018 noch nie so wenige Fälle von schweren gewalttätigen Auseinandersetzungen gab wie in der abgelaufenen Saison 2022/23.

Partnerschaftliche Weiterentwicklung mit den SBB
Die SFL und die Konferenz der Kantonalen Justiz- und Polizeidirektorinnen- und -direktoren (KKJPD) verfolgen gemeinsam das Ziel, Fanausschreitungen ausserhalb der Stadien zu minimieren. Zu diesem Zweck wurde vor einigen Monaten das Projekt «Progresso» lanciert. In diesem Rahmen haben sich die SFL und die SBB auf eine partnerschaftliche Weiterentwicklung im Bereich Transport/Fanreisen geeinigt. Die SFL und die Klubs beteiligen sich unter anderem direkt oder über Marketingleistungen an den Kosten der SBB.

Stadionallianzen stärken den lokalen Dialog
In einem zweiten Projekt stimmten die Klubs dem Antrag der SFL zu, lokale Stadionallianzen zu etablieren. Seit dem positiven Entscheid im vergangenen November wurden diese permanenten Dialogplattformen an allen Standorten der Super League auf- oder ausgebaut, um den intensiven Austausch mit allen an der Organisation von Fussballspielen beteiligten Partnern weiter zu intensivieren. Damit soll sichergestellt werden, dass alle Beteiligten im konstruktiven Dialog sinnvolle und zielführende Lösungen im Sicherheitsbereich entwickeln können.

Breite Vernehmlassung zum Kaskadenmodell
Die SFL hat auch die Erarbeitung des sogenannten Kaskadenmodells der KKJPD kritisch begleitet. Das Kaskadenmodell besteht aus verschiedenen Stufen, wobei bestimmte Vorkommnisse automatisch vordefinierte Massnahmen auslösen. Die ersten Stufen des Modells beinhalten Massnahmen des Dialogs, die weiteren Stufen umfassen repressive Massnahmen. Nach einer breit angelegten Vernehmlassung sind die SFL und die Klubs einstimmig zum Schluss gekommen, das Kaskadenmodell abzulehnen. In der Vernehmlassung wurde insbesondere stark kritisiert, dass unter Berufung auf das Modell einzelne Elemente, wie z.B. die Schliessung von Fankurven, bereits mehrfach angewendet wurden, obwohl das Modell als Ganzes noch nicht verabschiedet, beziehungsweise eingeführt war.

Aus Sicht der SFL und der Klubs ist das Kaskadenmodell nicht zielführend, einseitig und unverhältnismässig: Es vermischt Prävention und Repression und fokussiert nicht auf die Verhinderung zukünftiger Gewalttätigkeiten, wie es das Konkordat über Massnahmen gegen Gewalt anlässlich von Sportveranstaltungen mit seinem präventiven Charakter vorsieht. Dieser präventive Charakter wurde vom Bundesgericht in einem Entscheid bestätigt.

Das sogenannte «Hooligan-Konkordat» wurde vor 15 Jahren von der KKJPD verabschiedet und ist in fast allen Kantonen die geltende gesetzliche Grundlage. Mit dem vorgeschlagenen Kaskadenmodell sollen nun aber auch Vorfälle bestraft werden, die nicht in direktem Zusammenhang mit dem Spiel oder dem Stadion stehen. Besonders stossend ist dabei die Anwendung von Kollektivstrafen. Diese treffen nicht in erster Linie den oder die Täter (die unter Umständen nicht einmal das Spiel besucht haben), sondern viele Unbeteiligte.

Zudem ist bekannt, dass solche Kollektivstrafen zu einer Solidarisierung unter den Fans mit zusätzlichem Eskalationspotenzial führen können. Auch die Kausalhaftung für die Klubs ist nicht akzeptabel. Denn das Kaskadenmodell suggeriert eine Handlungsmöglichkeit der Klubs in Konfliktsituationen ausserhalb der Stadien. Diese Handlungsmöglichkeit besteht aber nicht – und dennoch würde die volle Verantwortung auf die Klubs übertragen. Ausserhalb der Stadien sind jedoch die Behörden für die Sicherheit verantwortlich und entscheiden auch über die Einsätze. An diesen behördlich geplanten Einsätzen beteiligen sich die Klubs seit Jahren mit hohen Millionenbeträgen. Zudem werden die Bemühungen der Klubs, Konfliktsituationen zu vermeiden, im Kaskadenmodell in keiner Weise berücksichtigt. Und schliesslich bestehen auch in der Wissenschaft Zweifel an der Wirksamkeit von Kollektivstrafen und der Kausalhaftung.

Bestehende Instrumente des Konkordats konsequent anwenden
Die SFL erachtet das «Hooligan-Konkordat» als ausreichende gesetzliche Grundlage, um die Sicherheit innerhalb und ausserhalb der Stadien zu gewährleisten. Um die heutige Situation zu verbessern, müssen die bestehenden Instrumente und Massnahmen noch konsequenter angewendet werden, insbesondere bei der Verfolgung von Einzeltätern. Gewalttäter müssen konsequent verfolgt und bestraft werden. Die Klubs unterstützen die Polizei dabei laufend mit zahlreichen Hinweisen zur Identifizierung von Tätern, damit diese mit Stadion- und/oder Rayonverboten oder noch wirkungsvoller mit Meldeauflagen belegt werden können. Dieser Weg ist rechtskonform, verhältnismässig und erfolgversprechend, wie das oben erwähnte GSLS-Reporting und erfolgreiche Beispiele aus dem Ausland zeigen.

Die SFL und die Klubs werden auch in Zukunft jederzeit konstruktiv und kooperativ mit allen Beteiligten zusammenarbeiten, um die Sicherheit innerhalb und ausserhalb der Stadien zu gewährleisten. Die langjährige Erfahrung zeigt, dass präventive Massnahmen und der Weg des Dialogs immer zu den besten Resultaten geführt haben. Die Klubs und die SFL sind überzeugt, dass der eingeschlagene Weg und insbesondere die lokalen Stadionallianzen am besten geeignet sind, um die Herausforderungen gemeinsam zu meistern.

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